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Unternehmertum und Naturrecht – ein Widerspruch?

Nachlese zum Thema:Die (naturrechtliche) Rolle des Unternehmers im Wirtschaftsprozess – Gregor Hochreiter

In der öffentlichen Debatte wird er häufig mit Argusaugen beäugt: der Unternehmer. Explizit oder implizit wird er als rücksichtsloser Ausbeuter, als die fleischgewordene Gier, ja mitunter sogar als das Übel schlechthin konnotiert, der den wehrlosen Konsumenten das Geld aus der Tasche zieht und den Arbeitnehmern den gerechten Lohn vorenthält. Diesem verzerrten Bild wird häufig eine andere Verzerrung gegenübergestellt: der Unternehmer als Held, der allein das Rad der Wirtschaft am Laufen hält, eine prometheische Figur, die allein Fortschritt und Wohlstand bringt. Beide Positionen sind ideologische Überdehnungen, beide enthalten, wie jede ideologische Überhöhung, zumindest ein Körnchen Wahrheit.

Im Folgenden soll zunächst kurz die Funktion des Unternehmers im wirtschaftlichen Prozess skizziert und gegen den Arbeitnehmer abgegrenzt werden. Diese saubere Unterscheidung ist unabdingbar, gerade weil in der öffentlichen Debatte Manager allzu oft als Unternehmer vorgestellt werden, obschon jene lediglich (leitende) Angestellte sind. Danach werden einige weitere Aspekte der Unternehmerfunktion beleuchtet und abschließend einführende Gedanken aus naturrechtlicher Sicht skizziert.

Unternehmer und Arbeitnehmer – Lohn und Gewinn

Zur klaren Unterscheidung sollen die Aufgaben, Risken und die Entlohnung eines Unternehmers im Unterschied zu einem Arbeitnehmer idealtypisch gegenübergestellt werden.

Der wirtschaftliche Prozess läuft in der Zeit ab. Dieser Umstand spielt insbesondere in der Marktwirtschaft eine bedeutende Rolle. Diese ist u. a. dadurch charakterisiert, dass ein Angebot geschaffen und am Markt zum Verkauf feilgeboten wird, ohne genau zu wissen, wie hoch die Nachfrage für dieses Produkt zum ausgewiesenen Preis tatsächlich sein wird. Im Unterschied dazu ist eine Wirtschaft zu denken, in der der Unternehmer erst produziert, nachdem die Bestellung eingegangen ist wie dies bei Handwerksbetrieben häufig der Fall ist.

Der wirtschaftliche Prozess zeichnet sich also dadurch aus, dass er von Ungewissheit geprägt ist. Der Unternehmer plant heute den Produktionsprozess, um morgen zu produzieren und übermorgen zu verkaufen. Die Unternehmerfunktion besteht genau darin, die mit dem Verlauf der Zeit verbundene Ungewissheit auf sich zu nehmen. Er ist ein Antizipator zukünftiger Zustände (Ludwig von Mises). Antizipiert er die zukünftigen Kaufwünsche der Kunden gut, werden seine Einnahmen höher sein als seine Ausgaben. Antizipiert er die zukünftigen Kundenwünsche schlecht, wird er einen Verlust erleiden und über kurz oder lang aus dem Markt ausscheiden. Sein Einkommen ist somit schwankend und ex ante unberechenbar. Mitunter haben Ökonomen das Einkommen des Unternehmers als jenen Rest bezeichnet, der nach Bezahlung aller Rechnungen (und der Steuern und sonstigen Abgaben) übrigbleibt (Frank Knight). Zudem trägt der Unternehmer ein absolutes Verlustrisiko, d. h. sein Einkommen kann negativ werden und dadurch sein Privatvermögen schmälern.

Der Arbeitnehmer wird hingegen zum Zeitpunkt seiner Tätigkeit mit einem ex ante festgelegten Gehalt entlohnt, unabhängig davon, ob das zum gegenwärtigen Zeitpunkt produzierte Produkt später gewinnbringend verkauft wird. Er trägt das aus der Überbrückung der Zeit erwachsene wirtschaftliche Risiko nicht. Das Verlustrisiko des Arbeitnehmers ist daher lediglich ein relatives, insofern er bei einem anderen Unternehmen einen höheren Lohn hätte verdienen können. Sollte der Arbeitgeber das vertraglich vereinbarte Gehalt nicht auszahlen, hat der Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf die Auszahlung. Selbst wenn dieser mangels Konkursmasse nicht durchgesetzt werden kann, wird das Einkommen eines Arbeitnehmers aus einer konkreten Beschäftigung heraus niemals negativ.

Manager, die vielfach in den Medien als Unternehmer vorgestellt werden, tragen nicht das für den Unternehmer charakteristische absolute Verlustrisiko. Er wird wie ein gewöhnlicher Arbeitnehmer entlohnt unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Ein etwaiger erfolgsabhängiger variabler Lohnanteil macht den Manager nur dann zum (Teil-) Unternehmer, wenn die Variabilität nach beiden Seiten hin gegeben ist, d.h. wenn der weit verbreitete Bonus im Falle der Erreichung bestimmter Umsatz- oder Gewinnziele kombiniert ist mit einem Malus im Falle von Verlusten. Ebenso gilt, dass ein Unternehmer, der sich ein Geschäftsführergehalt ausbezahlt, zumindest zum Teil das wirtschaftliche Risiko an das Unternehmen abtritt und sich einen erfolgsunabhängigen (Arbeitnehmer-)Lohn ausbezahlt.

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die Kapitalgesellschaft mit ihrer rechtsinstitutionellen Ausgestaltung einer beschränkten Haftung die Unternehmerfunktion beschränkt. Aktionäre können maximal ihre ursprüngliche Investitionssumme verlieren, Gesellschafter einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung ihre Einlage. Eine Haftung mit dem Privatvermögen bei negativem Eigenkapital besteht nur bei Personengesellschaften und Einzelunternehmen. Unternehmer im eigentlichen Sinn sind daher nur diese.

Der Unternehmer als Befriediger der Konsumentenwünsche

Diese Beschreibung der Unternehmerfunktion ist rein funktionell. Als erfolgreich und damit die Unternehmerfunktion als gut ausfüllend gilt jener Unternehmer, der die Konsumentenwünsche bestmöglich erfüllt. Ob es sich bei den verkauften Produkten um lebensnotwendige Medikamente, Lebensmittel oder Drogen handelt, spielt bei dieser Betrachtung keine Rolle, ebenso wenig die Frage, ob der geforderte Preis ethisch vertretbar ist und auf welche Art und Weise das Produkt hergestellt wurde. Was auch immer die subjektiven Konsumentenwünsche befriedigt und den unternehmerischen Gewinn mehrt, wird als gut und zweckmäßig erachtet.

Ideengeschichtlich ist diese formal gehaltene Betrachtungsweise u. a. darauf zurückzuführen, dass die führenden Denker der Unternehmertheorie meist einen klassisch-liberalen Hintergrund aufweisen. Infolge ihres Subjektivismus lehnen sie ein allen Menschen gemeinsames objektives, nicht rein formales Lebensziel wie die Nutzenmaximierung ab. 

Weil in einer freien Marktwirtschaft die Konsumenten nicht verpflichtet sind, bestimmte Unternehmen aufgrund einer räumlichen, zeitlichen oder ständischen Gebundenheit exklusiv zu frequentieren, rittern die Unternehmer um die Gunst der Konsumenten. Erfolgreich ist ein Unternehmer nur dann, wenn er die Bedürfnisse der Konsumenten zu befriedigen imstande ist. Selbst wenn die Unternehmer mittels Marketing ihre Kunden zu beeinflussen suchen, so ist es der Kunde, also im letzten der Konsument, der mit seiner Kaufentscheidung über Erfolg oder Misserfolgs eines Unternehmens entscheidet. Ludwig von Mises vergleicht die Marktwirtschaft  daher mit einer Demokratie, in der jeder Euro einer Stimme entspricht.

Der Unternehmer als Störenfried

Nicht nur gilt „eclessia semper reformanda“, sondern es gilt auch „res publica semper reformanda“ und „oeconomia semper reformanda“, nämlich sowohl hinsichtlich der ordnungspolitischen als auch der betrieblichen Strukturen und der Produktpalette (vgl. Centesimus Annus 43) und zwar in aufsteigender Intensität.

Folgt man der weithin zitierte Definition des Kapitalismus des österreichischen Ökonomen Joseph A. Schumpeter, so ist der Drang zur Veränderung im Kapitalismus besonders stark ausgeprägt. In seinem Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (1942) vergleicht er den Kapitalismus mit einem

Prozess einer industriellen Mutation, […] der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben.“ (S. 136)

Innerhalb dieses ordnungspolitischen Rahmens nimmt wiederum der Unternehmer eine führende Stellung ein. Schumpeter betont, dass es den Unternehmer auszeichnet, seine Ideen auch tatsächlich durchsetzen zu können. Die (gute) Idee alleine reicht nicht, sie ist für Schumpeter nicht einmal entscheidend. Der Unternehmer gleicht einem Politiker, der ebenfalls daran gemessen wird, ob es ihm gelingt, einen Vorschlag tatsächlich umzusetzen. Schumpeter nennt in der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ drei Motivationen, die einen Unternehmer auszeichnen: den Wunsch, eine Dynastie zu begründen; den Siegeswillen; und schließlich die Freude am Gestalten.

Dieses fortwährende Rütteln und Infragestellen des Status Quo lässt den Unternehmer als Störenfried insbesondere für all jene Bevölkerungsgruppen erscheinen, die mit eben diesem Status Quo zufrieden sind. Dazu zählen gerade auch die etablierten Unternehmer, die naturgemäß neue Mitbewerber (meistens) als Bedrohung für ihr Einkommen ansehen. Das in der Romantik gepflegte und die damaligen Umwälzungen ablehnende Bild der Harmonie, die keiner Änderung mehr bedarf, weil diese einen Verlust eben jener zufolge hätte, überbetont  jedoch die Gefahren eines Abschieds vom Status Quo. Denn immer wohnt der Veränderung auch die Möglichkeit zur Verbesserung inne.

Die naturrechtliche Aufweitung

Eine naturrechtliche Auseinandersetzung mit dem Unternehmer kann sich nicht auf eine rein formale Betrachtung beschränken. Ohne die Dynamik des Wirtschaftsprozesses sowie die Funktion des Unternehmers als Träger der Ungewissheit und der Durchsetzung neuer Ideen in Frage zu stellen, ist der Analysehorizont unternehmerischer Entscheidungen und deren Einbettung in den ordnungspolitischen Rahmen ein deutlich weiterer. Dies liegt darin begründet, dass aus naturrechtlicher Sicht die Ganzheitlichkeit des Menschen in keinem Tätigkeitsbereich vollständig aufgegeben werden darf. Im Bereich der Wirtschaft ist daher der Arbeitnehmer niemals nur als Produktionsfaktor und damit als Mittel zum Zweck aufzufassen, sondern gemäß der jedem Menschen zukommenden Würde qua Mensch als Person und soziales Wesen. In „Centesimus Annus“ skizziert der hl. Papst Johannes Paul II die sich aus einer naturrechlichten Betrachtung ergebende Multidimensionalität unternehmerischer Entscheidungsfindungen:

„Denn Zweck des Unternehmens ist nicht bloß die Gewinnerzeugung, sondern auch die Verwirklichung als Gemeinschaft von Menschen, die auf verschiedene Weise die Erfüllung ihrer grundlegenden Bedürfnisse anstreben und zugleich eine besondere Gruppe im Dienst der Gesamtgesellschaft bilden. Der Gewinn ist ein Regulator des Unternehmens, aber nicht der einzige. Hinzukommen andere menschliche und moralische Faktoren, die auf lange Sicht gesehen zumindest ebenso entscheidend sind für das Leben des Unternehmens.“ (Centesimus Annus 33)

Entgegen der überhöhten Sicht auf den Unternehmer, der den finanziell erfolgreichen Unternehmer per se zum Helden erklärt und bis auf Betrug und Täuschung jede Geschäftspraxis, die diesem Ziel dient, gut heißt, und entgegen der anderen Extremposition, die den Unternehmer an sich zum Ausbeuter erklärt, folgt aus der naturrechtlichen Analyse eine differenzierte Sicht. Der gute Unternehmer ist derjenige, der gut wirtschaftet und einen Beitrag zum Gemeinwohl leistet, indem er das Leben verbessernde Produkte herstellt, die knappen Ressourcen effizient einsetzt und dabei die Würde des Menschen respektiert sowie verantwortungsvoll mit der Schöpfung umgeht.

 Fazit

In einer sich verändernden Welt bedarf es Menschen, die in besonderer Weise in das Unbekannte vorstoßen und durch dieses Tun gleichsam die Zukunft schon in der Gegenwart Wirklichkeit werden lassen. In der Wirtschaft kommt diese Aufgabe in besonderer Weise dem Unternehmer zu, insbesondere dem Unternehmer, der Innovationen auf dem Markt zu platzieren sucht. Seine Entscheidungen sind in besonderer Weise von Ungewissheit geprägt, weil er heute unternehmerische Entscheidungen zu treffen hat, von denen er nicht weiß, ob sie morgen von genügend zahlungsbereiten Kunden goutiert werden. Der Unternehmer trägt im wirtschaftlichen Prozess somit die dem Zeitablauf geschuldete Ungewissheit, wofür er eine Entlohnung verdient. Im Unterschied zum Arbeitnehmer ist deren Höhe jedoch nicht ex ante fixiert und kann sogar negativ werden. Als handelnder Akteur ist der Unternehmer wie alle anderen Teilnehmer am Wirtschaftsprozess daran gebunden, die Würde der anderen Wirtschaftsakteure zu achten und sittlich zu handeln.

Bericht von Mag. Gregor Hochreiter, Volkswirt, freier Journalist, Publizist zu wirtschaftlichen und wirtschaftsethischen Themen von der Veranstaltung im Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald, Seminarräume im Stiftsrestaurant in Zusammenarbeit mit dem Alois Hirschmugl, Unternehmer, Mitglied Christlicher Wirtschaftsverein
vom Freitag, 19.Mai 2017 | 17 Uhr

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