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Nachlese zum Thema: Gerechter Lohn oder Fron?

Care in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rücken
Gabriele Kienesberger, KSÖ, über Neuorganisation der Care-Arbeit an der AMG-Akademie

Care (Sorge, Zuwendung, Unterstützung, Pflege-Arbeit) müsse „als Grundlage eines guten Lebens in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rücken. Trotz vieler Maßnahmen und auch Transferleistungen klaffen Angebot und Nachfrage bzw. Leistungen und Bedürfnisse auseinander", sagte Gabriele Kienesberger von der Katholischen Sozialakademie Österreichs bei ihrem Vortrag über „Die Ökonomisierung der Sorgearbeit. Von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit" bei der AMG-Akademie im Stift Heiligenkreuz am 20. Jänner 2017 vor zahlreichen BesucherInnen aus dem Industrieviertel.

Care-Krise – Soziale Gerechtigkeit wurde durch Marktgerechtigkeit ersetzt
Der Politikwissenschafterin Erna Appelt zufolge, haben sich seit den 1970er Jahren „unsere Gesellschaften zu global vernetzten Dienstleistungsgesellschaften entwickelt, die der Logik neoliberaler Akkumulationsregimes und der Standortkonkurrenz folgen und den Begriff der sozialen Gerechtigkeit durch den Begriff der Marktgerechtigkeit ersetzt haben", sagte Kienesberger. Dazu komme, „von der Care-Krise sind in besonders hohem Ausmaß professionelle und informelle Pflegekräfte betroffen, deren Situation oft durch Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und prekäre Arbeitsbedingungen geprägt" sei, womit „die Globalisierung den Care-Bereich in zweifacher Weise erreicht: einerseits in der sich bereits abzeichnenden Tendenz, Pflege z.B. von dementen Personen ins Ausland zu verlagern, andererseits in der längst vollzogenen Internationalisierung des Care-Arbeitsmarktes". Dadurch lasse der Care-Drain „Frauenlose Dörfer mit oft unversorgten Kindern oder Angehörigen in den Herkunftsländern zurück, was neue Notlagen und folgenschwere Probleme erzeugt", so Kienesberger.

Die Care-Krise betreffe zwar „nicht alle in gleichem Ausmaß. Frauen sind als Pflegende, Betreuende und Erziehende ungleich stärker betroffen als Männer. Aber auch als Pflegebedürftige sind Frauen zahlenmäßig und auch sozial (Stichwort: Altersarmut) stärker betroffen als Männer. Haushalte mit niedrigem Einkommen sind stärker betroffen als einkommensstarke Haushalte, die sich die nötigen Dienste bei der Kinder- oder Altenbetreuung zukaufen können. Ausländische Arbeitskräfte sind ungleich stärker betroffen als inländische: Somit kumulieren die Nachteile bei ausländischen Frauen aus einkommensschwachen Haushalten" erläuterte Kienesberger.

Care – neu organisieren um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen
„Es geht also darum, Care neu zu organisieren, neue Strukturen zu schaffen, die ein gutes Leben für alle – für Kinder, Frauen und Männer unabhängig von ihrer sozialen Schicht und von ihrer Herkunft – ermöglichen", fasste Kienesberger zusammen. Abschließend erneuerte sie die Forderungen aus der Sozialwort 10+ Tagung „Sorge-Arbeit in der Krise. Von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit: Befunde und Perspektiven" vom 19. September 2014 in St. Pölten:
● „Neudefinition der Arbeit unter Berücksichtigung von gesellschaftlich lebensnotwendigen und wohlstandssichernden persönlichen Dienstleistungen.
● Regulierung von Märkten und Sicherstellung gerechter Entlohnung und menschenwürdiger Arbeitsbedingungen.
● Wahrnehmung des öffentlichen Auftrags zur Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Leistungen.
● Abkehr vom Menschen als Leistungsträger und das Eingeständnis der eigenen Bedürftigkeit.
● Wahrnehmen von Care-Arbeit als Voraussetzung für Wohlstand.
● Unsere Aufgabe kann es sein, dafür eine Kultur zu schaffen. Dabei können die Kirchen eine unterstützende Rolle übernehmen".

Dazu brauche es eine „Geschlechter-gerechte Verteilung und gerechte Bezahlung von Care-Arbeit", sagte Kienesberger. Da die „Ökonomisierung des Sozialen nicht den Ansprüchen für ein gutes Leben gerecht" werde, sei eine „Arbeitszeitverkürzung, die Sorge-Arbeit ermöglicht" erforderlich. Wie in der Schweiz solle auch in Österreich „unbezahlte Tätigkeiten erfasst und ausgewiesen werden", die dort „über 50 Prozent" betrage, forderte Kienesberger. Sie schloss, dazu sei ein „umfassendes Menschenbild zu definieren, wie es in ´Laudato Sí´ grundgelegt ist". Und KA-Wien Präsident Walter Rijs bekräftigte: „Wir müssen die Globalisierung der Gleichgültigkeit durchbrechen", wie schon Papst Franziskus gesagt hat. Franz Vock

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Veränderte Arbeits- und Lohnwelt zwischen prekär und „work-fare"
Markus Blümel, KSÖ, über gerechten Lohn oder doch Fron an der AMG-Akademie

Auf die rasante Veränderung der Arbeits- und Lohnwelt machte Markus Blümel von der Katholischen Sozialakademie Österreichs in seinem Vortrag über „Gerechter Lohn oder doch Fron?" bei der AMG-Akademie im Stift Heiligenkreuz die BesucherInnen aus dem Industrieviertel am 20.1. 2017 aufmerksam.

Von Nettoeinkommen und Armutsgefährdung ...
2015 verdienten unselbständig Beschäftigte (Teil- und Vollzeitbeschäftigte) im Mittel (Median) 1.877 € netto im Monat (inkl. anteiligem Urlaubs- und Weihnachtsgeld). Zehn Prozent der unselbständig Beschäftigten mit den höchsten Einkommen (Median: 4.247 €) verdienten monatlich rund neunmal so viel wie das ärmste Einkommenszehntel (Median: 468 €). Die Nettoeinkommen der Männer in Österreich (2.171 €) waren 2015 um 43% höher als jene der Frauen (1.514 €). Gleichzeitig befand sich ein Drittel der unselbständig erwerbstätigen Männer (34,6%), und zwei Drittel (67,2%) der unselbständig erwerbstätigen Frauen in der unteren Einkommenshälfte, legte Blümel dar.

Bei der aktuellen Armutsgefährdungsschwelle 2015 von 1.161 € monatlich für einen Einpersonen-Haushalt sind 19,2% der österr. Bevölkerung (2013: 18,8%) armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, d.h. das Einkommen liegt unter der Armutsschwelle oder die Personen sind erheblich materiell depriviert oder leben in Haushalten mit keiner/ sehr geringer Erwerbsintensität. 14,1% der österr. Bevölkerung (2013: 14,4%) haben ein Einkommen unter der Armutsschwelle, so Blümel. 30% der BezieherInnen der BMS (Bedarforientiere Mindestsicherung) waren 2015 Beschäftigte mit niedrigem Einkommen oder Personen die ihre Arbeitskraft nicht einsetzen können, z.B.: pflegende Angehörige oder Mütter mit Kleinkindern. Innerhalb der "Working Poor" stellen Menschen mit einem Normalarbeitsverhältnis die größte Gruppe dar, erläuterte Blümel.

In der Entwicklung der Gehälter und Löhne wird die soziale Ungleichheit spürbar. So stiegen die Gehälter von CEOs (Vorständen) in den USA von 1978 auf 2011 vom 26,5- auf das 210-fache des Durchschnittlohnes. Österreich erlebte in dieser Zeit unter den europäischen Ländern einen der stärksten Rückgänge der Lohnquote am BIP! Von 1978: 66,2 % (Höchststand) auf 2015: 55,5 %. Gleichzeitig besitzen die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung in Österreich mehr als 1 Billion (=1000 Milliarden) € und dieses Zehntel werde pro Stunde um 3,45 Millionen € reicher! - 1.005.512.117.481 € + rund 958 € pro Sekunde, so Blümel. Daher sei für den Soziologe Michael Hartmann die Senkung der Steuern für Unternehmen und Reiche „tatsächlich ein zentraler, wenn nicht sogar der zentrale Grund für die massive Auseinanderentwicklung bei den Einkommen und Vermögen", sagte Blümel.

Nicht „work-fare" sondern Hilfe zur Selbsthilfe
Bei der gegenwärtigen Prekarisierung als Erosion des „gesamten Niveaus sozialer Rechte" (Candeias 2006) gehe es darum, „Lohnarbeit zu flexibilisieren und zu verbilligen, soziale Sicherheit und Lohnarbeit zu entkoppeln, wohlfahrtsstaatliche Leistungen abzubauen und zu privatisieren und Menschen zu disziplinieren" (Wichterich 2008). Bei der neuen Ideologie des „work-fare", der „Anpassung der Erwerbslosen an die Arbeitsmärkte" komme es zu einem „Ausbau des Sanktionen-Regimes", da „grundsätzlich alle des Missbrauchs von Leistungen verdächtig" seien. Ebenso würden die „Leistungen aus Arbeitslosenversicherung zunehmend an Gegenleistungen der Erwerbslosen geknüpft", was „Menschenrechts-Defizite" zur Folge habe, sagte Blümel.

Im Spannungsfeld zwischen Lebensfähigkeit und Selbsterhaltung dürfe sich der Sozialstaat daher nicht darauf reduzieren, nur das Leben „von der Hand in den Mund" zu alimentieren, so Blümel. Hilfe zur Selbsthilfe, eine Subsidiarität, die darauf abziele, sich pro-aktiv selbst helfen zu können, sei notwendig.
Da Wirtschaft „wieder dem Menschen dienen, der Mensch im Mittelpunkt" stehen müsse, brauche es eine „neue Finanzmarktarchitektur, ein Konzernmacht abbauen mit Alternativen stärken, Steuergerechtigkeit, Soziale Sicherheit - unabhängig von Erwerbsarbeit, ein bezahlte und unbezahlte Arbeit (geschlechter-) gerecht verteilen, aber auch eine Care-Ökonomie", schloss Blümel.
Franz Vock

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